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Kernenergie fürs Klima

Mit der Sorge um den Klimawandel wird die weitgehend emissionsfreie Kernenergie zur umweltfreundlichen Alternative.

Die Kernenergie war schon immer Teil der Empfehlungen des Weltklimarats (IPCC) zur Reduktion von CO2-Emissionen. Nur hängte er das nie an die grosse Glocke. Der IPCC nimmt damit Rücksicht auf die Befindlichkeit eines Teils der grünen Bewegungen, welcher die Kernspaltung grundsätzlich ablehnt. So sorgte 2019 Greta Thunberg mit der Forderung, die CO2-Schleudern durch Atomkraftwerke zu ersetzen, für helles Entsetzen bei den deutschen Grünen.

Die Ikone der Klimastreikenden relativierte ihre Aussage darauf bis zur Unkenntlichkeit und schweigt seither eisern zum Thema. Doch das ändert nichts an den Fakten: Rund ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen werden durch die Stromerzeugung verursacht – und mit Wind, Biomasse und Sonne allein lässt sich der Bedarf nicht decken, zumal der Anteil von Strom am Gesamtenergiemix noch steigen soll. Die emissionsfreie Kernenergie drängt sich als Alternative geradewegs auf.

Spitzenplatz für AKW
Unter Berücksichtigung der «grauen Energie» – also jener Energie, die aufgewendet werden muss, um ein Kraftwerk zu bauen, in Betrieb zu halten und wieder abzubauen – verursacht die Kernenergie pro Kilowattstunde weniger CO2-Emissionen als Biomasse-, Wind- oder Solarkraftwerke. Nur grosse Wasserkraftwerke sind noch eine Spur klimafreundlicher. Der Schlüssel dazu liegt in der fast unvorstellbaren Energiedichte des Brennstoffes. Ein Kubikmeter Uran reicht aus, um ein durchschnittliches AKW wie das von Gösgen oder Leibstadt ein Jahr lang zu betreiben.

Die kategorische Ablehnung der Kernenergie konzentriert sich allerdings vor allem auf den deutschsprachigen Raum. Etwa in Skandinavien, Grossbritannien, Frankreich oder Osteuropa gilt Atomstrom auch unter linken und grünen Kreisen als valable Alternative zu den fossilen CO2-Schleudern. Namentlich in den USA setzt ein ernstzunehmender Teil der Ökobewegung voll auf Kernenergie. Bill Gates investiert Millionenbeträge in die Entwicklung neuer Technologien, für die auch der amtierende Präsident Joe Biden Sympathie bekundet.

Die Euphorie um die «neuen Erneuerbaren» wird getragen von der Sehnsucht nach einer Versöhnung mit der Natur. Dabei gingen die physikalisch begründeten Nachteile vergessen, die keine Technologie aus der Welt schaffen kann. Auch die Produktion von Biotreibstoff, Solar- oder Windstrom geht auf Kosten der Natur. Der Verschleiss an Ressourcen (Ackerfläche, Rohstoffe, Aufwand für Unterhalt etc.) ist gigantisch, gemessen am Ertrag. Zudem liefern Sonne und Wind den Strom selten dann, wenn man ihn braucht. Auch die Speicherung verschlingt, soweit sie überhaupt möglich ist, gigantische Ressourcen und lässt die Preise erst recht explodieren.

Weltweit hält die Mehrheit der Länder an der Option Kernenergie fest. Federführend sind Russland und vor allem China. Das Reich der Mitte hat seine nukleare Stromproduktion in den letzten zehn Jahren verfünffacht, von 7 auf 35 Terawattstunden. Damit sind zwar erst rund fünf Prozent des Strombedarfs gedeckt. Doch China will diesen Wert in den nächsten fünfzehn Jahren noch einmal vervierfachen. Mit Hualong One ging im letzten Januar erstmals ein topmoderner Druckwasserreaktor der Generation III+ ans Netz, den China in Eigenregie entwickelt und hergestellt hat. Solche Anlagen werden zwar auch in Europa hergestellt. Doch die Chinesen rechnen mit einem Viertel der Kosten (rund 2,5 Milliarden Dollar) bei einer viermal schnelleren Bauzeit (zweieinhalb Jahre).

China widerlegt damit die Behauptung, die Kernenergie sei zu teuer und die Planung der Anlagen sei zu langwierig. Der Grund liegt vor allem in der Serienproduktion. China exportiert seine AKW schlüsselfertig. In Europa ist es den Kernkraftgegnern derweil gelungen, mit Rekursen und surrealen Auflagen den Bau der Reaktoren zu verschleppen und zu verteuern. Dass dies nicht so sein muss, hat Frankreich in den 1970er Jahren demonstriert. Nach dem Ölschock stellte die Grande Nation innerhalb von fünfzehn Jahren drei Viertel ihrer Stromproduktion auf Kernkraft um.

Die Hindernisse der Kernenergie sind vor allem politischer und religiöser Natur. Viele Ängste erweisen sich bei genauem Hinschauen als unbegründet. So wurde etwa beim GAU in den drei Kernkraftwerken von Fukushima kein einziger Mensch getötet oder auch nur ernsthaft verletzt. Die Kernschmelze in den ältesten Kernkraftwerken Japans, deren Abschaltung ohnehin bevorstand, führte zwar zu einem gigantischen Sachschaden. Doch sie wäre in einem modernen AKW gar nicht mehr möglich.

Ins Reich der falschen Mythen gehört auch das Argument, ein Kernkraftwerk liesse sich nicht versichern. Dasselbe trifft auch für jede Staumauer zu, die ein höheres Schadenspotenzial in sich birgt. Es hängt damit zusammen, dass es in Anbetracht der extrem geringen Wahrscheinlichkeit eines extrem hohen Schadens schlicht am vernünftigsten ist, das Restrisiko auf alle Bürger zu verteilen, die auch gemeinsam von der Kernenergie profitieren.

Auch das Problem der insgesamt sehr geringen Mengen an hochstrahlenden Abfällen wird masslos aufgebauscht. Anders als konventionelle Gifte, die wir in ungleich grösseren Mengen entsorgen, lassen sich strahlende Abfälle mit einem Geigerzähler einfach orten und kontrollieren. Vor allem aber sind diese vermeintlichen Abfälle der Brennstoff für die Kernkraftwerke der Zukunft.

Anders als bei den neuen Erneuerbaren, die seit Urzeiten vom Menschen genutzt werden und deren Effizienz weitgehend ausgereizt ist und bestenfalls noch ein wenig optimiert werden kann, steht die Kernenergie erst am Anfang ihrer Entwicklung. Gearbeitet wird zurzeit an inhärent sicheren Kleinreaktoren, die zwar nur knapp die Leistung des AKW Mühleberg erbringen, dank einer Serienproduktion aber günstiger und schnell gebaut werden könnten. Eine Option sind auch kleinere nukleare Heizreaktoren zur Erzeugung von Fernwärme in grösseren Agglomerationen. Da die Anlagen auf einer relativ niedrigen Temperatur fahren, geht von ihnen kein grösseres Gefahrenpotenzial aus als von einer beliebigen fossil betriebenen Anlage – nur dass sie den Abfall eben in einem Containment zurückhalten, statt diesen in die Atmosphäre zu pusten. Diese Kernkraftwerke sind auch besser steuerbar als ältere Modelle, so dass die Produktion der Nachfrage angepasst werden kann.

Neue Brutreaktoren
Das grösste Zukunftspotenzial steckt allerdings in den sogenannten Brutreaktoren, welche auch Abfälle aus konventionellen AKW verbrennen können, den Brennstoff um ein Vielfaches besser nutzen und kaum noch langstrahlende Rückstände hinterlassen. Diese Reaktoren können sogar mit den Resten von eingemotteten Atomwaffen betrieben werden. Mögliche Varianten sind zum Beispiel Flüssigblei- und Flüssigsalzreaktoren oder eine Kombination von beidem. Weil diese Meiler keinen eigentlichen Reaktorkern mehr haben, ist eine Kernschmelze physikalisch gar nicht mehr möglich.

Varianten dieser Brütertechnologie wurden in den Anlagen von Kalkar (Deutschland) und Creys-Malville (Frankreich) bereits erfolgreich getestet. Dass die Projekte in Europa aufgegeben wurden, ist einzig und allein politisch begründet. China hat das deutsche Know-how aufgekauft und entwickelt dieses heute an eigenen Versuchsreaktoren weiter. Auch Rosatom betreibt in Belojarsk mehrere kommerzielle Brutreaktoren.

Der 820-Megawatt-Reaktor Belojarsk 4 ging 2016 ans russische Netz und liefert seither zuverlässig Strom. 2025 wollen die Russen mit dem Bau eines fünften Brutreaktors beginnen, der mit einer Leistung von 1200 Megawatt 2030 ans Netz gehen soll. Die Brütertechnologie hat sich in der Praxis hervorragend bewährt, ist zurzeit einfach noch zu teuer. Aber auch das könnte sich schon bald ändern, falls man wirklich aus dem fossilen Zeitalter aussteigen will.

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